Die Obermayer-Stiftung

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Hilde Schramm: „Man muss seine Stimme erheben, aber es gilt auch zu handeln.“

Die Stiftung ZURÜCKGEBEN und Hilde Schramm werden mit dem German Jewish History Award der Obermayer Foundation ausgezeichnet

Am 21. Januar 2019 verlieh die US-amerikanische Obermayer-Stiftung den German Jewish History Award zum sechzehnten Mal. Diese Auszeichnung erhalten nichtjüdische deutsche Bürger*innen, die besondere Verdienste in Bezug auf jüdische Geschichte und Kultur geleistet haben. Ins Leben gerufen wurde die Auszeichnung im Jahr 2000 von Arthur S. Obermayer. Jährlich werden unter vielen, aus der Zivilgesellschaft vorgeschlagenen Nominierten, fünf Preisträger*innen ausgewählt und im Berliner Abgeordnetenhaus für ihre Verdienste ausgezeichnet.

Unter den diesjährigen Preisträger*innen waren auch Hilde Schramm und die Stiftung ZURÜCKGEBEN. Im 25. Jahr ihres Bestehens wurde hiermit die einzige Stiftung in Deutschland, deren Fokus auf der Förderung jüdischer Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen liegt, für ihren Einsatz geehrt.

Neben Hilde Schramm und der Stiftung ZURÜCKGEBEN wurden außerdem Elisabeth Böhrer, Martina und Hans-Dieter Graf mit Gabriele Hannah, Michael Imhof und Egon Krüger ausgezeichnet. Eine zusätzliche Auszeichnung wurde an Benigna Schönhagen vergeben.

In ihrer Dankesrede betonte Hilde Schramm, wie wichtig die Verbindung von Erinnern und der Stärkung jüdischen Lebens heute ist. Hilde Schramms Rede im Wortlaut:

"Den Obermayer Award erhalte ich stellvertretend für zahlreiche jüdische und nichtjüdische Frauen, die gemeinsam die Idee der Stiftung Zurückgeben entwickelt haben und/ oder sich gegenwärtig in ihr engagieren. In deren aller Namen bedanke ich mich bei Frau Judith Obermayer, bei Herr Joel Obermeyer und bei Frau Karen Franklin, der Jury Vorsitzenden und Mitgründerin der Foundation. Außerdem möchte ich allen danken, die die heutige Preisverleihung ausgerichtet haben.
Die Auszeichnung trägt dazu bei, dass unsere Stiftung bekannter wird – wie es gerade hier und jetzt geschieht - und stärkt sie.
Die Stiftung will beides: Erinnern und zugleich jüdisches Leben in seiner Vielfalt im heutigen Deutschland stärken.
Ihr Name Zurückgeben verweist darauf, dass während der NS-Herrschaft viele einzelne, aber auch die ganze sogenannte „deutsche Volksgemeinschaft“ von der Entrechtung, Enteignung und Ermordung der Juden Europas profitierte: direkt und indirekt, willentlich und strukturell. [...]
Über diese materielle Vorteilsnahme aus dem Leid der jüdischen Bevölkerung wurde in der deutschen Gesellschaft und in den meisten Familien über Jahrzehnte geschwiegen. So war auch bei mir zu Hause, deren Vater Albert Speer ist.
Noch Mitte der 90ger Jahre, als wir die Stiftung gründeten, war das Thema ein blinder Fleck in der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Viele Details wussten wir selbst nicht.
Die Stiftung appelliert an die Nachgeborenen zurückzugeben - aus eigenem Willen, gerade da, wo gesetzliche Regelungen nicht greifen.
Real ist eine Zurückgabe aber nur in ganz seltenen Fällen möglich. Es gab kaum Überlebende des Holocaust. Und die lange Verdrängung der Beraubung hat die Spuren verwischt.
Dennoch – aus den Spendeneingängen, die wir erhalten und ohne die wir die Arbeit der Stiftung nicht fortführen könnten - wissen wir, dass es Menschen in Deutschland gibt, jüngere und ältere, die - ohne selbst schuldig zu sein - den Nachkommen der Geschädigten etwas zurückgeben wollen. Oft, so weit uns bekannt, ohne ein familienbiografisches Motiv, vielmehr aus Einsicht und Verantwortung. Sie suchen nach Wegen, ihren Wunsch in sinnfälliges Handeln umzusetzen.
Einen solchen Weg hat die Stiftung beschritten, indem sie jüdische Frauen in Kunst und Wissenschaft fördert, die heute in Deutschland leben. Mit diesem Stiftungszweck nimmt sie zugleich unmissverständlich Stellung gegen Antisemitismus – nicht nur mit Worten.
Die Förderung ist aber vor allem eine Wertschätzung der spezifischen und notwendigen Beiträge jüdischer Frauen zu einer gemeinsamen Gegenwart und einer gemeinsamen Zukunft. [...]"

Darauf verwies
 in ihrer Dankesrede auch Sharon Adler, die Vorstandsvorsitzende der Stiftung ZURÜCKGEBEN. Sharon Adler betonte, wie wichtig die Förderung durch die Stiftung ZURÜCKGEBEN für viele Frauen ist.

Sharon Adlers Rede im Wortlaut:

Besonders in einer Zeit, in der 50% der 14- bis 16-Jährigen Schülerinnen + Schüler in Deutschland heute nicht wissen, wofür Auschwitz steht, in einer Zeit, in der Abgeordnete einer Partei eine, ich zitiere: "180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik" fordern, in der sie die Shoa als "Instrument der Kriminalisierung der Deutschen" bezeichnen, oder von einer "dämlichen Bewältigungspolitik" sprechen, besonders in dieser Zeit gilt es, diejenigen sichtbar zu machen, die unbeirrt gegen das Vergessen und Verschweigen eintreten. Zu diesen Menschen gehört Hilde Schramm.
Im Gegensatz zu den meisten ihrer Generation hat sie ihr schwierige Erbe, die Rolle ihres Vaters im Nationalsozialismus, nicht verschwiegen, sondern sich öffentlich dazu bekannt, mehr noch: Sie hat sich bewusst entschieden, etwas "zurückzugeben". Dafür möchte ich Dir, liebe Hilde, meine tiefe Hochachtung aussprechen.
Gemeinsam mit einer Gruppe von jüdischen und nichtjüdischen Frauen hat sie 1994 die Stiftung ZURÜCKGEBEN zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft gegründet. Das ist bis heute einzigartig. Bis heute ist die Stiftung ZURÜCKGEBEN die einzige Stiftung, die ausschließlich jüdische Frauen in ihren Projektvorhaben unterstützt. Ehren will sie damit das Wirken der jüdischen Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Frauenrechtlerinnen in Deutschland bis zu deren erzwungener Emigration und Flucht, oder der Deportation ab 1933.
Seit ihrer Gründung konnte die Stiftung beinahe 500.000 Euro Fördermittel vergeben und mehr als 150 Projekte finanziell unterstützt werden.
Stipendien erhielten Frauen jeden Alters und Herkunft, darunter Filmemacherinnen, Bildende und Multimedia-Künstlerinnen, Tänzerinnen + Choreografinnen, Schriftstellerinnen, Musikerinnen, Kultur- und Sozialwissenschaftlerinnen, Historikerinnen, Ökonominnnen, Physikerinnen, Journalistinnen und viele viele mehr. Die Förderung stellt für jede einzelne der Stipendiatinnen eine – in vielen Fällen – erstmalige öffentliche Würdigung ihrer Arbeit dar. Durch die finanzielle und ideelle Förderung haben sie die Möglichkeit bekommen, gesehen und gehört zu werden und auch, individuelle + kollektive Erinnerung weiterzugeben.
Wir bedanken uns sehr für die Auszeichnung an Hilde Schramm. Diese Auszeichnung macht die wichtige Arbeit der Stiftung sichtbar. Damit wir diese Arbeit fortführen können, bitten wir Sie heute auch zukünftig um Ihre Unterstützung.“

Im Anschluss an ihre Rede bat Sharon Adler sowohl die Vorstandsfrauen Anke Gimbal und Judith Kessler und die Vorstandsassistentin Merle Stöver auf die Bühne, als auch einige von der Stiftung ZURÜCKGEBEN geförderten aktuelle bzw. ehemalige Stipendiatinnen: Donna 
Swarthout, Nataly Savina, Elżbieta Sternlicht, Gabriela Hermer, Kim Seligsohn und Nea Weissberg. Diese Frauen stehen exemplarisch für die Möglichkeiten, die die Stiftung seit ihrer Gründung im Jahr 1994 vielen jüdischen Frauen eröffnet hat. Allein dieses kurze Auftreten der sechs Frauen, die in verschiedenen Jahren von der Stiftung ZURÜCKGEBEN eine Förderung für ihre jeweiligen Projekte erhalten haben, zeigte, wie vielfältig die Forschungsvorhaben, Projekte und Ideen sind, die durch die Stiftung unterstützt werden.

Am 21. Januar verlieh die Obermayer-Foundation im Abgeordnetenhaus zu Berlin eine Auszeichnung an Bürger*innen, die sich um die Erinnerung an das Wirken und die Kultur deutscher Jüd*innen verdient gemacht haben.

Bereits zum sechzehnten Mal verlieh die US-amerikanische Obermayer-Stiftung den German Jewish History Award. Unter den diesjährigen Preisträger*innen waren auch Hilde Schramm und die Stiftung ZURÜCKGEBEN.

Die vollständige Preisverleihung ist hier als Video zu sehen.

 




Impressionen

Impressionen der Preisverleihung im Abgeordnetenhaus zu Berlin